Mann und Frau

Leserbrief

Stefan, 59 Jahre,
11 Monate

Hupps,

ich stelle gerade fest, dass es schlicht weg gelogen wäre, wenn ich „Mitte bis Ende 50“ schreiben würde. Die Zahl mit der anderen Ziffer vorn, steht unmissverständlich vor der Tür. Also sprechen wir sie einmal aus: SECHZIG!!!

Das Jahrzehnt, in dem ich meine Visitenkarte abgeben werde. Es sei denn, ich werde mir in einem Bahnhofsautomaten neue mit der Bezeichnung „Privatier“ drucken. Aber…so tief will ich nicht sinken. Also sollte ich langsam damit anfangen, zu begreifen, dass der Kalender sich bald nicht mehr von allein füllen wird. Wer wird mir noch zuhören, wenn es davon nicht mehr abhängig ist, eine Gehaltserhöhung, eine Stufe mehr in der Karriereleiter, die Mitarbeit in einem wissenschaftlichen Projekt oder einfach einen Kaufvertrag zu bekommen???

Hat meine Persönlichkeit allein auch genug Gewicht, dass mir jemand zuhört? Mir zuhören - um meiner selbst willen. Hoffentlich noch Einige mehr als die Bäckerei Fachverkäuferin, die auf Vögel wie mich geschult ist: Pro 1€ Brötchen, eine Minute Sprechzeit. Dann die große Frage, was mache ich denn überhaupt, wenn es so weit ist. Natürlich werde ich zuerst mit meinem viel zu großen Motorrad zum Nordkap fahren, wie es alle Jung-Rentner machen. Standard… keine Ahnung warum???? Dann könnte ich versuchen, einen Beraterjob zu bekommen. Die verbliebene Industrie läuft ja rum wie Lemminge ohne Meer, wenn ich mit meiner allwissenden Erfahrung nicht mehr da bin. Natürlich werde ich mein Sportprogramm perfektionieren, damit die Kellnerin in meiner Lieblingskneipe auch weiterhin LÜGEN kann, „Ohhh, ich habe Dich für viel jünger gehalten“.

Jetzt aber mal die einzig wichtige Frage. Komme ich mit all dem tatsächlich im letzten Viertel meines Lebens an oder versuche ich nur etwas hinauszuzögern, was es eigentlich schon nicht mehr gibt? Und das wäre doch schade. Ich habe Wissen, ich habe Erfahrungen und vor allem, ich habe die Zeit, jetzt wirklich im Hier und Jetzt anzukommen. Ich hätte die Chance, den Kerl zu huldigen, den ich täglich im Spiegel rasiere. Meine Projekte, wie immer sie aussehen werden, sind nicht mehr umsatzorientiert.

Ich bin auch nicht gezwungen, sie einem Haufen gelangweilter Besserwisser in einer riesigen Power Point - die wieder mal keiner gelesen hat - vorzustellen. Ich habe jetzt die Freiheit mit all meinem Wissen, meiner Erfahrung und meiner Persönlichkeit, mich selbst zu finden. Mich unter all dem unwichtigen Schrott auszugraben, freizulegen und zu polieren. Es geht mir nicht darum, die Zeit, in der mich kein Visitenkartenträger mehr anruft, totzuschlagen.

Ich möchte die Zeit nutzen,
wirklich ICH zu werden.
Und mich final zu erfinden,
um mir dann mit vollem Stolz, meine
KRONE DES LEBENS aufzusetzen.



Ohh, Moment mal - es hat gepiepst,
das sind meine Tabletten!
Darf ich nicht vergessen. Ganz wichtig!